Atrium Verlagsgeschichte

Der Atrium Verlag

Der Atrium Verlag („Der Erich Kästner Verlag“) ist ein belletristischer Publikumsverlag, der die Weltrechte an sämtlichen Werken Erich Kästners hält.

1935 schlug ein entschlossener Verleger aus Berlin den Nazis ein Schnippchen und ging in die Schweiz, um einen neuen Verlag zu gründen. Dieser mutige Schritt war die Reaktion auf eine Untat: 1933 musste Erich Kästner erleben, wie die Nazis seine Bücher verbrannten. Er war ein verbotener Autor. Sein jüdischer Verleger Kurt Leo Maschler versuchte damals vergeblich, Kästner zur Flucht aus Deutschland zu überreden. Doch Maschler resignierte nicht, sondern nahm das Heft in die Hand: „Da ich Kästner leider nicht dazu bewegen konnte zu emigrieren, emigrierte ich seine Bücher. Ich fuhr in die Schweiz und gründete den Atrium Verlag.“

So schlug 1935 die Geburtsstunde von Atrium, benannt nach einem Berliner Kino. Bis 1937 konnte Maschler den Verlag noch von Deutschland aus führen, dann musste er nach Wien ausweichen, um schließlich über Amsterdam nach London zu entkommen, von wo aus er während des Zweiten Weltkriegs Kästner-Rechte in über dreißig Länder verkaufte. Bis heute liegen die Weltrechte an sämtlichen Büchern Kästners beim Atrium Verlag.

Neben den Werken von Erich Kästner und Geschenkbüchern, die sich aus seinem Werk speisen, erscheinen bei Atrium heute Krimis von großen internationalen Bestsellerautoren wie Mark Billingham, Hideo Yokoyama, Anna Grue, Donato Carrisi, Federico Axat und Jenny Rogneby, internationale Belletristik u.a. von Heidi Julavits, Michael Bijnens und Angela Chadwick sowie illustrierte Bücher von Autoren wie Etgar Keret oder Apostolos Doxiadis und Künstlern wie Christoph Niemann und Stephen Collins.

Verlagsleiter Tim Jung definiert das programmatische Credo als „lebendig, spannungsreich und der Gegenwart verhaftet.“

Chronik

19. Januar 1898 Kurt Leo Maschler wird in Berlin geboren.

23. Februar 1899 Erich Kästner wird in Dresden geboren.

27. Februar 1933 Reichstagsbrand. Die jüdische Verlegerin von Erich Kästner, Edith Jacobsen, muss aus Deutschland fliehen. Der mit ihr befreundete Verleger Kurt Leo Maschler übernimmt von Edith Jacobsen den Williams Verlag, um das Werk von Erich Kästner zu retten.

10. Mai 1933 Bücherverbrennung in Berlin. Erich Kästner ist persönlich anwesend, als seine Werke unter der Aufsicht von Joseph Goebbels in die Flammen geworfen werden.

1933 Kurt Leo Maschler versucht vergebens, Erich Kästner zur Emigration zu bewegen. Kästner will in Deutschland bleiben, um später Zeugnis ablegen zu können.

1935 Die Gestapo beschlagnahmt das Auslieferungslager in Leipzig.

1935 Kurt Leo Maschler fährt in die Schweiz und gründet den Atrium Verlag in Basel (später nach Zürich verlegt) und überträgt die bei Williams liegenden Kästner-Rechte auf Atrium, um Kästners Werk auf diese Weise vor den Nazis bewahren. Maschler benennt den Verlag nach einem Berliner Kino. Als erster neuer Kästner-Titel erscheint bei Atrium Emil und die drei Zwillinge.

1935 Die Schweiz verweist den Juden Kurt Leo Maschler des Landes mit der Begründung „Hier wird schon genug Hochdeutsch gesprochen“. Maschler geht zurück nach Berlin.

1. Januar 1937 Maschler wird als Jude aus der Reichsschriftumskammer ausgeschlossen und darf sein Büro nicht mehr betreten.

August 1937 Maschler weicht nach Wien aus.

März 1938 „Anschluss“ Österreichs durch die Nazis

1938 Maschler wird als Verleger von „Emigrantenliteratur“ denunziert und entkommt in einem Nachtzug mit knapper Not vor der Gestapo nach Amsterdam.

Frühjahr 1939 Maschler erhält eine Einreisegenehmigung nach England und geht nach London, von wo aus er während des 2. Weltkriegs Kästner-Rechte in über 30 Länder verkauft.

1956 Erich Kästner erhält den Literaturpreis der Landeshauptstadt München.

1957 Erich Kästner wird mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

1959 Kästner erhält das Große Bundesverdienstkreuz.

1960 Kästner wird mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis ausgezeichnet.

1965 Erich Kästner muss erleben, dass abermals Bücher von ihm in Deutschland verbrannt werden, diesmal in Düsseldorf vom Bund der entschiedenen Christen.

1968 Kästner erhält den Lessing-Ring.

29. Juli 1974 Erich Kästner stirbt in München.

1976 Maschler verkauft den Atrium Verlag an die Inhaberfamilie der Verlagsgruppe Friedrich Oetinger.

25. März 1986 Kurt Leo Maschler stirbt in London.

2006 Atrium-Relaunch mit Dr. Sabine Lammers als Programmleiterin

2008 Nikolaus Hansen (Geschäftsführung) und Tim Jung (Programmleitung) rücken Erich Kästner wieder in den Mittelpunkt des Atrium-Programms.

2010 Dr. Sabine Lammers verlässt den Verlag.

Ende 2012 Nikolaus Hansen wendet sich neuen Aufgaben zu.

Anfang 2013 Tim Jung übernimmt die Leitung des Atrium Verlags.

2013 Anlässlich des 80. Jahrestages der Bücherverbrennung erscheint Über das Verbrennen von Büchern, ein Band mit Texten von Erich Kästner, den der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizäcker als „Eine Mahnung für die Zukunft“ lobt.

Über 80 Jahre nach dem Erscheinen von Erich Kästners berühmtem Roman Fabian erscheint im Herbst erstmals die ungekürzte und unveränderte Urfassung unter dem Titel, den Kästner ursprünglich für dieses Buch vorgesehen hatte: Der Gang vor die Hunde. „Literatur, wie sie nur selten passiert“, urteilt Der Spiegel.

2014 Im Herbst erscheint Mark Billinghams Kriminalroman Die Lügen der Anderen. Das Buch wird zum Bestseller.

2015 80-jähriges Verlagsjubiläum

Unter dem Titel Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es erscheinen im Frühjahr von Christoph Niemann illustrierte Epigramme Kästners: „Großartig!“, urteilt die Frankfurter Allgemeine Zeitung; Die Zeit stellt das Buch in ihrem Magazin auf neun Seiten vor.

Im Herbst erscheinen unter dem Titel Der Herr aus Glas z.T. gänzlich unbekannte Erzählungen von Erich Kästner, die in den 1920er und 1930er Jahren nur in Tageszeitungen erschienen sind und nun erstmals in einem Buch vorliegen: „Paradestücke für Kästners bitteren Sarkasmus und seine genialen Beschreibungen des einfältigen Staatsbürgers.“ (Deutschlandfunk)

Unter dem Titel „Tapfer, sogar tollkühn“ publiziert Die Literarische Welt ein dreiseitiges Porträt des Atrium Verlags und postuliert eine Renaissance des berühmten Hausautors: „Kästner kommt zurück!“

Im Herbst erscheint mit Leona – Die Würfel sind gefallen der Auftakt der Leona-Reihe von Jenny Rogneby. Der Titel wird schon im Vorfeld zu einem außergewöhnlichen Presseereignis und muss noch vor Erscheinen zwei Mal nachgedruckt gedruckt werden.

2016 Erstmals erscheint ein Erich Kästner Kalender (Texte von Kästner, Zeichnungen von Walter Trier).

Der Atrium Verlag geht an Jan Weitendorf über, den ältesten Sohn der Inhaberfamilie der Verlagsgruppe Oetinger, und wird Teil der neu gegründeten W1-Media-Gruppe.

Erich Kästner erscheint nun auch im Taschenbuch beim Atrium Verlag. Im November erscheinen die ersten drei Titel in hochwertiger Ausstattung mit von Hans Traxler illustrierten Einbänden.

2017 Der Atrium Verlag veröffentlicht Federico Axats Thriller Mysterium. Das Buch wird zu einem weltweiten Phänomen und erscheint in 35 Ländern.

Im August erscheint mit Donato Carrisis Thriller Der Nebelmann ein Bestseller, der unter der Regie des Autors mit Jean Reno verfilmt wird.

2018 Im Februar erscheint Erich Kästners geheimes Kriegstagebuch Das Blaue Buch und erklimmt Platz 10 der Spiegel-Bestsellerliste. Die feierliche Buchpremiere findet am 31. Januar in München im Hotel Splendid-Dollmann in der Thierschstraße 49 statt, Erich Kästners erster Münchner Adresse nach seiner Flucht aus Berlin zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Im März erscheint Hideo Yokoyamas Thriller 64, der zwei Monate in Folge (April und im Mai) auf Platz 1 der Krimibestenliste steht. Die Jury urteilt: „Wenn es einen Nobelpreis für Kriminalliteratur gäbe, 64 hätte ihn verdient.“

Ebenfalls im März erscheint das Hörbuch von Pu der Bär in der Übersetzung von Harry Rowohlt, erstmals gelesen von Katharina Thalbach. Zugleich erscheinen unter dem Titel Pu – Der beste Bär der Welt vier neue Pu-Geschichten in einem Band in der Übersetzung von Henning Ahrens.